13. August 2008

Nabelschurblut - Dr. Volker RagoschProf. Dr. Volker Ragosch ist Gynäkologe an der Frauenklinik in Hamburg-Altona, wo die Nabelschurblutentnahme seit neun Jahren durchgeführt wird. Die erste Entnahme von Nabelschnurblut hat er als Vater bei der Geburt seiner eigenen Tochter persönlich vorgenommen. Im Interview erklärt er die Bedeutung der Nabelschnurblutentnahme.

Sie haben dabei geholfen, 15.000 Kinder auf die Welt zu bringen. Seit wann entnimmt Ihre Klinik Nabelschnurblut und wie viel Entnahmen waren es seither?
Ich bin seit 2002 in der Frauenklinik in Hamburg-Altona, das Blut aus der Nabelschnur wird bei uns aber schon seit 1999 entnommen. In den letzten Jahren konnten wir eine deutliche Steigerung erkennen. Denn das Thema Nabelschnurblut ist aktueller geworden. Im Moment nehmen wir das Blut bei ungefähr 100 Geburten im Jahr für private Banken ab. Insgesamt waren es seit Beginn der Entnahmen ungefähr 1.000. Für öffentliche Banken nehmen wir kein Blut aus der Nabelschnur ab, da es im ganzen norddeutschen Raum keinen Anbieter dafür gibt.

Können Sie sich an Momente in diesem Zusammenhang erinnern, die Sie besonders bewegt haben?
Ja und zwar an die Geburt meiner Tochter vor sieben Jahren in Berlin. Ich selbst habe das Nabelschnurblut damals abgenommen. Den Impuls, es einzulagern, gab ein Freund von uns, der zum Thema Stammzellen forscht. Dadurch habe ich einen guten Überblick über die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse und bin Befürworter der Einlagerung des Blutes geworden. Auch meine Frau hatte sich mit dem Thema umfangreich auseinander gesetzt.
Eine zweite schöne Geschichte ist, dass wir Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt haben, um einer jungen Frau das Entnahmeset zu besorgen. Sie hatte sich relativ kurzfristig für die Einlagerung entschieden. Zudem kam das Kind drei Wochen zu früh und das Entnahmeset nicht rechtzeitig bei der Kundin an. Also haben wir bei einer privaten Nabelschnurbank angerufen und es uns sozusagen mit ”Blaulicht” liefern lassen. Das Entnahmeset kam genau zur Geburt des Kindes in den Kreissaal. Es war knapp – aber alles hat geklappt.

Können Sie bitte beschreiben, wie so eine Entnahme aussieht?
Im Idealfall und bei einer normalen Geburt sind alle Beteiligten rechtzeitig informiert worden und die Eltern bringen das Entnahmeset zum Entbindungstermin mit in die Klinik. Nachdem das Kind auf die Welt gekommen ist, wird die Nabelschnur abgeklemmt. Wir setzen darauf, eine möglichst lange Nabelschnur mit entsprechend viel Blut zu erhalten. Dann wird der Bereich der Nabelschnur, wo die Hauptvene am zugänglichsten ist, desinfiziert und eine Kanüle in die Vene eingeführt. Der Vorgang läuft wie bei einer normalen Blutentnahme ab – das Blut fließt in den Beutel. Der ganze Vorgang dauert nur zwei bis drei Minuten und erfolgt während das Neugeborene auf dem Bauch der Mutter liegt. In diesem Moment richtet die Familie alle Aufmerksamkeit auf das Kind und bekommt von der Entnahme so gut wie nichts mit. Sie darf, laut Arzneimittelgesetz, nur von geschultem Personal durchgeführt werden. In der Regel sind das Ärzte und Hebammen.

Ist die Entnahme für Mutter oder Kind gefährlich?
Nein, überhaupt nicht. Weder Mutter noch Kind merken etwas von der Entnahme. In der Nabelschnur liegen keine Nervenbahnen, so dass keine Schmerzen auftreten. Auch die Sorge, es könne sich um mütterliches Blut handeln, ist völlig unbegründet: Das Blut aus der Nabelschnur ist kindliches Blut und kommt nach dessen Abnabelung aus der Plazenta.

Was sind die häufigsten Fragen, die Ihnen Mütter in Bezug auf Nabelschnurblut stellen?
Die erste Frage, die immer wieder kommt: Ist die Einlagerung sinnvoll? Und für wie wichtig ich als Arzt es erachte. Die zweite Frage ist, ob es gefährlich sein kann und die dritte sehr häufige Frage ist, ob das nur ”Geldschneiderei” ist. Viele Eltern haben Bedenken bezüglich des wissenschaftlichen Nutzens und der späteren Anwendung. Die Antworten auf die Fragen können aber nicht pauschal gegeben werden. Wir wissen einfach nicht, wie die Entwicklung in Zukunft aussehen wird und niemand kann eine sichere Prognose geben. Dinge, die uns vor ein paar Jahren als Science Fiction erschienen, sind heute Alltag. Im Moment sind Stammzellen aus Nabelschnurblut ein sehr interessantes, zukunftsträchtiges Beschäftigungsfeld. Die Forschung arbeitet erfolgreich im Bereich des Tissue Engineering und der Behandlung von Tumorerkrankungen. Vom jetzigen Standpunkt aus betrachtet ist es absehbar, dass in Zukunft der Einsatz von Stammzellen klinischen Routine sein wird. Auf den Internetseiten der großen Unternehmen sind jetzige und kommende Anwendungsmöglichkeiten detailliert beschrieben. Dieses Informationsangebot sollten mehr werdende Eltern nutzen, um sich zu dem Thema zu belesen. Als Arzt werde ich niemals Eltern dazu zwingen, irgendeine Maßnahme durchzuführen. Ich kann nur Vor- und Nachteile erklären und abwägen.

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