13. Dezember 2010

Familie Hartmann hat auch für Töchterchen Ivette Nabelschnurblut eingelagert.Michael Hartmann und seine Frau Tanja haben für ihre drei Kinder das Nabelschnurblut einlagern lassen. Aufgrund der frühen Geburten enthielt das Nabelschnurblut der ersten beiden Kinder relativ wenig Stammzellen. Doch die Familie hofft auf die Forschung und darauf, dass die Stammzellen in der Zukunft vermehrt werden können. Nun steht bald die Geburt des vierten Kindes an. Für die Familie stand sofort fest: sie möchten auch dieses Mal die Möglichkeit nutzen, das Nabelschnurblut aufzubewahren.

Herr Hartmann, wie geht es Ihnen und Ihrer Familie? Sie haben bereits drei Kinder und erwarten bald das Vierte?
Uns geht es gut. Ja, wir sind eine sehr lebhafte Familie, wir haben drei Kinder im Alter von fast vier, bald drei und etwas mehr als einem Jahr. Sie wurden im Abstand von 14 und 16 Monaten geboren. Zudem erwarten wir unser viertes Kind.

Verläuft die Schwangerschaft bis jetzt gut?
Ja, die Schwangerschaft steht unter ständiger Kontrolle, aber es verläuft bisher alles gut. Zum Hintergrund der ständigen Kontrolle: Wir haben unseren ersten Sohn während der Geburt aufgrund einer nicht erkannten Plazentainsuffizienz verloren. Deshalb sind jetzt alle anderen Schwangerschaften Risikoschwangerschaften und werden von einer sehr guten Gynäkologin eng überwacht. Mithilfe von Ultraschalluntersuchungen sollen Durchblutungsstörungen etc. aufgedeckt werden und das Wachstum des Kindes wird regelmäßig überprüft. Man ist natürlich immer ein wenig angespannt bei jeder Schwangerschaft, aber es verläuft bisher alles gut.

Das ist schön zu hören. Wie sind Sie denn bei Ihrem ersten Kind auf die Möglichkeit aufmerksam geworden, dass man das Nabelschnurblut aufbewahren kann?
Meine Frau und ich sind beide Wissenschaftler. Meine Frau ist Tierärztin, ich selbst arbeite in der Pharmaentwicklung und da wir häufiger mit solchen Themen in Berührung kommen, haben wir auch relativ früh von der Möglichkeit gehört, dass man Nabelschnurblut einlagern und aufbewahren kann. Die von uns gewählte Nabelschnurblutbank war durchaus ein Vorreiter auf diesem Gebiet in Deutschland. Wir haben uns damals für die Einlagerung entschieden, da wir an die Möglichkeiten der Wissenschaft auch einfach berufsbedingt glauben. Es sieht für uns nach einem sinnvollen Mittel für die Zukunft aus, um später auftretende Krankheiten eventuell behandeln zu können.

Haben Sie auch mit Ihrem Gynäkologen gesprochen, wie haben Sie sich über das Thema informiert?
Wir haben mit dem Gynäkologen und mit den Ärzten gesprochen und uns auch selbst informiert, da es durchaus gegensätzliche Ansichten und Meinungen zu diesem Thema gibt. Die einen sagen eben „Das bringt alles gar nichts, man kann noch gar keine Therapien starten“, die anderen sagen „Das macht sehr wohl Sinn“. Wir gehören eher zu denen, die sagen, es ist eine sinnvolle Investition, weil man eben einfach nicht vorhersehen kann, was in vier bis fünf Jahren behandelbar sein wird. Es ist ganz klar eine Wette auf die Zukunft. Aber wenn man im Vergleich dazu die Entwicklung bei den Computern betrachtet, vor 20 Jahren habe ich meine Doktorarbeit auf einem Atari mit Diskettenlaufwerk geschrieben und wenn man sich jetzt einmal anschaut, was im Bereich der Datenverarbeitung möglich ist, ist das erstaunlich. Überträgt man das auf die medizinische Forschung, so kann man sagen, wir können jetzt gar nicht beurteilen, was in Zukunft kommen wird, aber es ist eine sehr gute Chance. Man bietet seinen Kindern die Option, falls irgendwann eine Krankheit auftreten sollte, was wir natürlich nicht hoffen, für Therapien, die bis dahin eben möglich sein sollten, auf Stammzellen zurückgreifen zu können. Sei es bei Diabetes, Krebserkrankungen, Nervenschädigungen und so weiter, auf diesen Gebieten wird doch bereits viel geforscht.

Gab es für Sie vielleicht auch Gründe, die eher gegen die Einlagerung von Nabelschnurblut sprachen?
Für uns persönlich nicht, es kam als Bedenken immer nur, man hat noch gar keine oder kaum Therapiemöglichkeiten. Ich dachte mir zu diesem Zeitpunkt, dass mag zwar momentan der Fall sein, aber wer weiß was in zehn oder 15 Jahren ist.  Wir haben uns da einfach nicht beeinflussen lassen, was sicherlich auch daran liegt, dass wir vom Fach sind und dass wir die Materie auch durchaus selbst bewerten und beurteilen können.

Wie verliefen die Entnahmen des Nabelschnurblutes im Krankenhaus?
Die verliefen relativ spannend, muss ich sagen, weil die ersten beiden Kinder Frühgeburten waren. Unsere Große kam zum Beispiel 5 ½ Wochen zu früh. Natürlich war die Anzahl der Stammzellen im Nabelschnurblut dadurch bei unseren ersten beiden Kindern nicht ganz so hoch, wie zum eigentlichen Geburtstermin. Aber es war trotzdem eine spannende Sache, einfach einmal zu sehen, wie die Entnahme abläuft. Ich war bei allen drei Geburten auch dabei und habe die Entnahme vor allem bei der ersten Geburt größtenteils gesehen.

Hatten Sie den Eindruck, dass das Klinikpersonal gut auf die Entnahmen vorbereitet war?
Es waren alle sehr gut vorbereitet, bei der dritten Geburt am besten, was natürlich mit der steigenden Erfahrung durch das Klinikpersonal zusammenhängt, sie hatten da einfach mehr Routine.

Wenn weniger Stammzellen im Nabelschnurblut enthalten sind, als gewöhnlich, stellt sich immer die Frage, bis zu welchem Körpergewicht man das Präparat anwenden kann. Für Sie war es dennoch klar, dass Sie die Stammzellen weiterlagern möchten, warum?
Auch da gilt das Gleiche wie bei den Therapien, momentan können wir die Stammzellen leider noch nicht vermehren, aber niemand weiß, was in zehn Jahren sein wird. Auch wenn die Stammzellen nicht für eine komplette Therapie reichen, vielleicht reicht schon ein Anstoß über die Hälfte der Zellen oder welche Möglichkeiten man dann darüber hinaus hat. Wir dachten einfach, wir sollten uns die Option bewahren, auf die Stammzellen unserer eigenen Kinder zugreifen zu können. Jeder von uns weiß, wie lange eine Suche nach dem geeigneten Stammzellspender dauern kann und so kann vielleicht eine geringe Zahl an Stammzellen auch eine Überbrückung sein, bis man den passenden Spender gefunden hat.

Wäre es für sie eigentlich auch in Frage gekommen, das Nabelschnurblut zu spenden?
Das hätten wir uns auf jeden Fall überlegen können. Denn wie gesagt, die Suche nach dem geeigneten Spender ist immer eine sehr langwierige und schwierige. Insofern denke ich, dass jedes eingelagerte Blutpräparat von Vorteil ist. Denn jemand der vielleicht bei der Geburt die Stammzellen nicht einlagern ließ und jetzt den Bedarf hat, ist dann froh über jede passende Spende.

Mittlerweile werden für die Nabelschnurbluteinlagerung auch Kombimöglichkeiten von Spende und privater Einlagerung angeboten. Könnten Sie sich so etwas vorstellen ?
Das ist eine schwierige Frage. Wenn man das Nabelschnurblut freigibt und vielleicht in die Verlegenheit kommt, es selbst in einigen Jahren zu benötigen, dann sagt man sich „Hätte ich es damals nicht freigegeben, dann hätte ich jetzt eine Behandlungsmöglichkeit für mein eigenes Kind“. Das ist auch eine Antwort, die etwas egoistisch getrieben ist, aber es ist auch eine Sache, die man sich gut überlegen muss. Wenn man nach der Typisierung wüsste, das Blut hat die und die Eigenschaften und es gibt die Chance, auf dem Markt relativ schnell auch ein vergleichbares Präparat zu finden, dann kann man sich das vielleicht auch überlegen. Ist es hingegen eher eine sehr seltene Kombination der Typisierungsmerkmale, sollte man es dann in meinen Augen nicht machen. Auch das Alter des Kindes spielt da für mich eine Rolle, ist es zum Beispiel mittlerweile 18 oder ist es eben erst 3 oder 4.

Sie verfolgen das Thema ja sehr aufmerksam. Welche Fortschritte erhoffen Sie sich in der Zukunft?
Die Vermehrung ist sicherlich eine der dringlichsten Aufgaben, zumal man eben dadurch etwas aus dieser Spenderproblematik herauskommen würde. Ein anderer wichtiger Aspekt sind die Therapiemöglichkeiten, ich denke da an Lähmungen, Organversagen oder ähnliches. Man weiß bisher schon, dass man Organe nachzüchten kann, wenn man eben die entsprechenden Stammzellen selektiert, die bei dem Wiederaufbau des Gewebes helfen können. Hier ist jedoch noch viel Forschungsarbeit nötig.

Anmerkung der Redaktion: Töchterchen Ivette kam wenige Tage nach diesem Interview zur Welt.

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Nabelschnurblut: Eine Wette auf die Zukunft, aber eine sehr gute Wette., 2.5 out of 5 based on 2 ratings

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