Dr. Michael Nix aus Göttingen entschied sich, für alle drei Kinder die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut aufzubewahren. Er selbst ist von Beruf Zahnarzt, in seiner Praxis hat er im Rahmen der Behandlung von Zahnfleischerkrankungen während der Schwangerschaft häufig Kontakt zu werdenden Müttern und rät diesen zur Nabelschnurblutaufbewahrung.

Spielt die Tatsache, dass Sie von Beruf Arzt sind, eine Rolle dafür, dass Sie für Ihre drei Kinder Nabelschnurblut eingelagert haben?
Natürlich, das auf jeden Fall. Außerdem war für mich ausschlaggebend, dass mein Vater 1984 an Leukämie erkrankte. Obwohl er sich selbst nicht für eine Stammzelltransplantation entschied und mit mehreren Chemotherapien behandelt wurde, bin ich trotzdem sensibilisiert, was das Thema Transplantationen angeht. Er hat die Krankheit übrigens überstanden und führt heute ein gesundes Leben. Außerdem hatte ich in meiner Kindheit einen Nachbarn, der an eine Adrenoleukodystrophie litt, einer sehr seltenen und schlimmen Nervenerkrankung. Die Göttinger Uni hatte damals angefangen, diese Krankheit zu erforschen und sie fanden heraus, dass es theoretisch möglich sei, die Krankheit mit Stammzellen zu heilen. Er ist leider mit elf Jahren an dieser Krankheit gestorben. Es gibt also verschiedene Geschichten, die mich geprägt haben und deshalb habe ich mich mit dem Thema der Nabelschnurbluteinlagerung auseinandergesetzt.
Wie sind Sie denn überhaupt auf das Thema Nabelschnurbluteinlagerung aufmerksam geworden?
Der Gynäkologe meiner Frau in Göttingen machte keinen Hehl daraus, dass man IGEL-Leistungen, also individuelle Zusatzleistungen, anbieten muss, obwohl das heutzutage eher negativ belastet ist. Als meine Frau in der Endphase ihrer ersten Schwangerschaft war, hat er uns ein großes Paket gegeben, in dem von mehreren Unternehmen Coupons beilagen und da war dann auch Werbung für die Nabelschnurbluteinlagerung dabei. Ich habe mir die beigelegten Informationen durchgelesen und mich informiert, welche Firmen es hier gibt. Wir haben uns dann für eine Nabelschnurblutbank in Leipzig entschieden, da diese zum einen das Präparat in Deutschland einlagert und zum anderen fand ich es sehr ansprechend, wie die Informationen von dieser Stammzellbank präsentiert wurden.
Wie ist die Entscheidung dann gefallen?
Ich habe mir die Informationen durchgelesen und dachte, das ist eine tolle Idee. Mir waren pluripotente Stammzellen ein Begriff durch mein Medizinstudium, nicht unbedingt im Zusammenhang mit Nabelschnurblut, aber im Allgemeinen. Dann habe ich einfach gesagt: das machen wir. Dadurch, dass ich Mediziner bin und davon gehört hatte, dass es diese Möglichkeit gibt, fühlte ich mich schon fast meinem ungeborenen Kind gegenüber verpflichtet, das Nabelschnurblut einzulagern. Wenn mein Kind in 20 Jahren ein künstliche Herzklappe benötigt und mich fragt „Papa warum haben wir das eigentlich nie gemacht?“, das ist eine schlimme Vorstellung für mich. Von daher ist man als Mediziner vielleicht ein bisschen vorbelastet, ich glaube einfach an die Medizin.
Ihre Tochter ist jetzt fast sieben Jahre alt, ist putzmunter und gesund, was bedeutet es heute für Sie, dass Sie das Nabelschnurblut eingelagert haben?
Das bedeutete zunächst einmal nach 2002 für mich eine Verpflichtung, 2005 und 2009 auch für meine beiden weiteren Kinder das Nabelschnurblut einzulagern. Das ist der kleine negative Touch, den die Sache hat. Denn ich kann nicht meiner Tochter etwas zu Gute kommen lassen und meinen anderen Kindern nicht. Das heißt die finanzielle Belastung ist natürlich da, das muss man fairer Weise so sagen. Andererseits habe ich aber auch einfach das gute Gefühl, dass ich eine Investition getätigt habe, die ich zwar hoffentlich niemals benötigen werde, aber wenn doch, kann sie vielleicht bei der Heilung helfen. Ich habe einfach das gemacht, was zu diesem Zeitpunkt möglich war.
Hätten Sie sich eigentlich auch vorstellen können, das Nabelschnurblut zu spenden, anstatt es für Ihre Kinder aufzubewahren?
Wenn ich finanziell nicht dazu in der Lage gewesen wäre, es für meine Kinder aufzubewahren, hätte ich es gespendet. Ich finde es sehr schade, dass die Spende nicht viel bekannter gemacht wird, vor allem von den Kliniken. Die Kliniken müssten gezielter auf die Patienten zugehen und fragen, ob sie etwas dagegen haben, wenn das Blut zur Spende freigegeben wird oder ob sie es für die eigene Einlagerung nutzen möchten. Ich rate Patienten in meiner Praxis dazu z.B. Zahnzusatzversicherungen auszufüllen, weil ich natürlich auch ein wirtschaftliches Interesse daran habe. Warum funktioniert das also in den Kliniken nicht?
Können Sie sich eigentlich noch erinnern wie die Entnahme abgelaufen ist?
Ja natürlich, ich war bei allen Geburten live dabei und nah am Geschehen. Ich habe mir genau angesehen, was da gemacht wird.
Hatten Sie den Eindruck, dass die Klinik gut vorbereitet war?
Das war sehr unterschiedlich. Als meine Tochter 2002 zur Welt kam, haben sich die Ärzte während der Nacht, als meine Frau in den beginnenden Wehen lag, mit dem Entnahmepaket auseinandergesetzt. 2005, als mein erster Sohn geboren wurde, gab es neue behördliche Auflagen, die das Klinikum noch nicht erfüllte. Ich war dann derjenige, der dafür gesorgt hat, dass die notwendige Genehmigung beantragt wird. Ich wollte das unbedingt machen. Mit einem Blitzurteil aus Braunschweig wurde die Entnahme dann ermöglicht und das Klinikpersonal hat die Entnahme auch gut gemacht. Bei meinem jüngsten Sohn war es dann leider so, das das Entnahmeset im Kreißsaal stand und als das Baby dann geboren war, sagte jemand: „Oh, wir müssen doch auch noch Nabelschnurblut entnehmen“. Als sie dann den Karton geöffnet haben, stellten sie fest, dass die Nabelschnurblutbank etwas am Equipment verändert hatte, das sie noch gar nicht kannten. Dann ist natürlich klar, dass die Fehlerquelle wesentlich höher ist, als wenn ich mir das vorher in Ruhe anschaue. Das ist bei meiner Arbeit genauso. Leider konnte bei meinem jüngsten Sohn dann nur sehr wenig Nabelschnurblut entnommen werden und es war auch kontaminiert.
Eigentlich sollte das nicht passieren, da das Personal in den Kliniken regelmäßig geschult wird…
Hätte ich für die Klinik keine Freistellungserklärung unterzeichnet, die sie vor Schadensersatzansprüchen schützt, mein Sohn würde eine schlimme Krankheit bekommen und es würden dann nicht genügend Stammzellen vorhanden sein, würde ich das Klinikum verklagen. Die Kliniken sollten schon auf die Qualität achten, es geht schließlich auch um eine Menge Geld. Ich habe mich dann trotz der bakteriellen Verunreinigung und der geringen Zellzahl dazu entschlossen das Blut einzulagern. Ich glaube einfach, dass man auch damit etwas machen kann, der Fortschritt geht schließlich immer weiter.
Wenn Sie auf das Thema Stammzellvorsorge mit Mabelschnurblut angesprochen werden – was geben Sie werdenden Eltern mit auf den Weg?
Ich empfehle die Vorsorge immer weiter und spreche im Bekanntenkreis darüber. Ich sage immer wieder zu den werdenden Eltern in unserem Freundeskreis „Leute macht das, nicht weil ihr das irgendwann mal braucht, das werdet ihr hoffentlich niemals benötigen, aber ihr habt schließlich auch eine Haftpflichtversicherung, die ihr hoffentlich niemals nutzt, aber wenn doch, ist es gut, sie zu haben.“ In unserem Freundeskreis, in dem sich einige Ärzte und Rechtsanwälte befinden, ist das Verständnis auf jeden Fall da, da diese Menschen sich nicht von Medien beeinflussen lassen, sondern sich selber eine Meinung bilden können. Ich stelle es mir nur sehr schwer vor, dieses Thema mit Leuten zu diskutieren, die überhaupt kein medizinisches Hintergrundwissen haben. Sie hören dann nur den Preis und sehen es als Abzocke an. Damit habe ich auch selbst täglich zu tun.
In Zeitungen liest man auch manchmal, dass die Nabelschnurblutbanken ein Geschäft mit der Angst der Eltern machen würden. Wie ist ihre Meinung dazu?
Die Angst der Eltern resultiert immer aus der Unwissenheit. Das Thema Nabel-schnurblut ist eben für die meisten absolutes Neuland und Krankenhausaufenthalte rufen meist negative Assoziationen hervor. Ich als Zahnarzt muss die Patienten auch aufklären, was passieren könnte, wenn man die oder die Behandlung nicht vornimmt. Entscheiden muss der Patient letztendlich immer selber. In der Zahnmedizin ist es aber mittlerweile so weit, dass man seinen Zahnarzt verklagen kann, wenn er bestimmte Therapiemaßnahmen nicht anspricht, also im Sinne von „unterlassener Hilfeleistung. Was die Nabelschnurblutbanken tun, ist einfach der Versuch, über eine Möglichkeit zu informieren, die es gibt, aber leider nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. Es wäre doch schlimm, wenn diese Therapieform nur einem kleinen Kreis zur Verfügung stehen würde und die anderen erst davon erfahren, wenn es zu spät ist. Durch die Finanzierungsmöglichkeiten hat jedoch jeder selber die Möglichkeit, zu entscheiden, ob es geht oder nicht. Und erste Erfolge sind ja nur ein Beleg für den Fortschritt der Medizin.
Vielen Dank für das Interview und alles Gute für Sie und ihre Familie!
Bildquelle: www.sxc.hu
Tags: Adrenoleukodystrophie, Chemotherapie, Einlagerung, künstliche Herzklappe, Nabelschnurblutaufbewahrung, Stammzellbank, Transplantationen
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